
Wäre sie hier, ich würde sie würgen. Ich würde sie schlagen. Ich würde sie an den Haaren durch die Wohnung zerren.
Meine Stirn zieht sich zusammen. Meine Augen fokussieren die Nachricht wie ein Jaguar seine Beute. Kiefermuskeln, alle wesentlichen Muskeln angespannt. Bereit für die Attacke.
Okay. Ich übertreibe. Ich bin gar nicht so wütend. Ich bin einfach nur tierisch frustriert.
Ich habe ihr und einigen anderen einen Text geschickt. Den ersten Text, den ich seit Jahren geschrieben habe. Und ich bin wirklich vorwärts gekommen.
Ich habe endlich einen roten Faden in meinem Zeug. Ich komme auch irgendwo heraus. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Die Antwort
Wo andere sich aufgrund alter Erfahrungen gar nicht die Mühe machen, den Text zu lesen, oder zu höflich sind, um mir eine Rückmeldung zu geben, da nimmt sie einfach das Beil, das ihr so leicht in der Hand liegt.
Und dann haut sie in die immer gleiche Kerbe:
„Das mit dem Schreiben, mein Lieber, vielleicht solltest du es doch besser lassen. Du bist so begabt. Aber das ist vielleicht das Problem.“
So sagt sie das natürlich nicht. Aber ich kann ja zwischen den Zeilen lesen…
Das hat sie mir auf WhatsApp geschrieben:
„Dein Text ist sehr schön. Und so hoffnungsvoll. Sehr viel Selbsterkenntnis und Selbstreflexion… Vielleicht für dich selbst fast am spannendsten. Und für Leute wie mich, die dich gut kennen, oder gerne „am Modell“ lernen.“
Die Übersetzung: „Interessanter, schöner Text. Aber man kommt nur rein, wenn man bereit ist, sich hinein zu wühlen. Oder wenn man den geheimen Zugang kennt. Kannst du so machen. Aber dann ist es halt Scheiße!“
Ich so: „Ah, wie schön.“ Dann: „Wie jetzt?“. Dann totale Entmutigung: „Nicht schon wieder.“
Ich trinke kaum Alkohol und habe keinen zuhause. Aber da liegen noch die die modernen Maoam Sachen meiner Jüngsten in einer Schale im Schrank. Der Osterhase soll sie gebracht haben. Iss klar…
Ich war schon früher eine diebische Elster. Jetzt klaue ich halt bei meiner Tochter. Eh besser für ihre Gesundheit…
Gegendruck
Ich lasse die Nachricht sacken. Fünf Minuten. Dann wehre ich mich. Ich schreibe so eine „nette“ Nachricht. Gift im Unterton.
Ich fühle mich so richtig klug und überlegen mit meiner brillanten Antwort. Dagegen kann sie nichts unternehmen. Biatch!
Ich hab dann erstmal ne Nacht drüber geschlafen.
Eine komische Nacht. Ich wandere durch alte chinesische Landschaften. Ein Kung Fu Typ. Ich lache mit Leuten. Ich streite. Ich kämpfe.
Ich nutze meine Arme, Fäuste und Beine.
Auf einmal ein grässlicher Schmerz in meinem rechten Schienbein.
Mitten in der Nacht wache ich auf. Ich liege in meinem Bett. Mein Schienbein blutet.
Ich habe im Schlaf gegen die Traverse über meinem Bett getreten.
Der Dorn
Am Morgen wache ich gerädert auf.
Ich spüre den stechenden Schmerz in meinem Schienbein. Und den WhatsApp-Dorn, der im Fleisch sitzt.
Ich pule ihn heraus.
Vielleicht konnte sie etwas sehen, das ich nicht sehen konnte.
Vielleicht kam wirklich niemand hinein in meine Texte.
Wo war die Tür?
Woran konnte man andocken?
Der Absturz
Also öffne ich ChatGPT und halte Rücksprache: „Hör mal, diese blöde Kuh hat mir hier so ein Feedback gegeben. Wie siehst du das denn eigentlich?“
ChatGPT in seinem, ihrem, du-weißt-schon Schleimer-Style: „Du machst da echt großartige Sachen. Bla, bla, bla. Aber genauer betrachtet hat sie vollkommen recht!“
Ich denke so bei mir: „Ach ja, aber vorgestern hast du den Text als perfekt und bereit zum Veröffentlichen durch gewunken. Du falscher Fünfziger. Elender Opportunist.“
Dann schmiere ich ab.
In das alte, tiefe Loch des Schreibens.
Es ist genau 1,50 m tief.



